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Leseprobe: Ohne Fesseln

  • vor 5 Stunden
  • 8 Min. Lesezeit

von Sebastian Cohen







Hatte man die Klimaanlage absichtlich so kalt eingestellt?

Die eisige Luft biss wie kleine Nadeln in Dukes Haut. Bei

der krassen Deckenbeleuchtung sowie dem unbequemen

Stuhl wusste er jedenfalls, dass dies alles pure

Berechnung war. Eine gezielte Strategie, ihn mürbe zu

machen. Sicherlich waren das die psychologischen

Spielchen einer choreografierten Weichklopfstrategie, seit

man ihn, ohne ihm seine Rechte vorzulesen, in diesen

unterkühlten Raum gesperrt hatte. Hier wartete er bereits

seit über einer Stunde, ohne dass sich jemand blicken

ließ. Wäre er nicht an den Tisch gekettet gewesen, hätte

er bereits den Versuch unternommen, die harte

Sitzgelegenheit durch den überdimensionalen Spiegel zu

schleudern. So jedoch hing Duke gelangweilt auf dem

Stuhl und popelte den nicht vorhandenen Dreck unter

seinen Fingernägeln hervor, um komplette Gelassenheit

zu demonstrieren. Diese Coolness war nur gespielt, denn

sein Gehirn lief unwillkürlich im Überholmodus, um den

Grund zu finden, warum er verhaftet worden war. Welcher

Untat ist man ihm auf die Schliche gekommen? Bei der

einfachen Frage, die doch recht komplex schien, bekam er

unbewusst Kopfschmerzen. War er in Japan zu

unvorsichtig gewesen? Eigentlich konnte er sich das nicht

vorstellen. Duke zuckte kurz innerlich zusammen, als ihm

der Gedanke mit dem gefälschten Pass kam. Verdammt,

dachte er, und konnte nicht ausschließen, dass ihm

damals der Geheimdienst den Drucker im Darknet

verkauft hatte. Ohne dass man es ihm äußerlich ansah,

ärgerte er sich, erneut in einem Schlamassel zu sitzen,

der wohl kaum mit einem blauen Auge enden würde.

Wahrscheinlich hatte er Abigail direkt mit in all den Mist

hineingezogen. Dieser Gedanke bereitete ihm das meiste

Unbehagen.

Unvermittelt öffnete sich die Tür und holte damit Duke aus

der Grübelei. Ein Militärtyp trat ein, den man definitiv in

einen teuren Anzug gestopft hatte. Wortlos setzte dieser

sich Duke gegenüber und öffnete einen recht

umfangreichen Aktenordner, in dem er seelenruhig

blätterte, ohne ihn zu beachten. Das Aufeinanderprallen

von Disziplin und steifem Zivilstil war beinahe komisch,

hätte die Situation nicht so todernst gewirkt.

Nach einigen Sekunden meinte Duke mit fester Stimme:

»Niemand hat mir meine Rechte vorgelesen, und nun

denke ich, dass es an der Zeit ist, mir meinen Anspruch

auf einen Telefonanruf zu gewähren. Sie wissen schon, um

meinen Anwalt zu informieren, wie ich hier behandelt

werde und all den Mist.«

Mr. Umblätterheini hob nicht einmal den Blick, sondern

drehte eine Seite nach der anderen um, als wäre Dukes

Forderung bloß ein Hintergrundrauschen.

Tiefenentspannt erwiderte er: »Wer sagt, dass Sie

irgendwelche Rechte haben?«

Unwillkürlich hob sich bei Duke eine Augenbraue.

Einen doppelten Schockmoment später fragte er: »Bisher

dachte ich, dass ich in einem freien Rechtsstaat lebe!«

»Aha«, kam es spöttisch. Noch immer machte sich der Typ

nicht die Mühe, aufzublicken, und blätterte mit dem Kopf

nickend durch weitere acht Seiten, bis er nebenbei fragte:

»Sie wissen schon, warum wir Sie verhaftet haben, oder?«

»Tatsächlich nicht, aber Sie werden mich sicher gleich

darüber aufklären, und zusammen werden wir

herausfinden, dass alles ein unglückliches Missverständnis

war. Kann immer einmal vorkommen. Ich wäre nach einer

Entschuldigung von Ihnen nicht einmal sehr verstimmt.«

Dann passierte etwas, das Duke nicht erwartet hatte: Der

Mann ließ den Ordner sinken und musterte ihn direkt. Sein

Blick war ein Mix aus Herausforderung und Neugier.

»Wie ist denn hier so der Kaffee? Wenn wir schon dabei sind,

uns nett zu unterhalten, dann könnte einer Ihrer

Soldaten hinter dem Spiegel mir einen Becher Koffein

bringen, während Sie schon einmal an Ihrer

Entschuldigung arbeiten.«

Duke erkannte bei seinem Gegenüber ein falsches

Lächeln, der gleich konterte: »Was veranlasst Sie zu der

Annahme, ich würde dem Militär angehören?«

»Nun, zum einen Ihr billiger Haarschnitt und zum anderen

Ihre Körpersprache, die verdeutlicht, wie unwohl Sie sich

in dem feinen Anzug fühlen. Also, kommt jetzt mein

Kaffee?«, fragte Duke nach und schaute provokativ in den

Spiegel, als würde er den stummen Beobachter

herausfordern.

Sekunden vergingen, in denen Duke weiterhin von seinem

Gegenüber gemustert wurde, und er versuchte, die Rolle

des Unbeeindruckten weiterzuspielen. Natürlich war ihm

bewusst, dass er hier gerade megamäßig in

Schwierigkeiten steckte, wenn der Militärmensch mit

einem Aktenordner ankam, der dicker war als das

Branchenbuch von Keene.

sind, uns nett zu unterhalten, dann könnte einer Ihrer

Soldaten hinter dem Spiegel mir einen Becher Koffein

bringen, während Sie schon einmal an Ihrer

Entschuldigung arbeiten.«

Duke erkannte bei seinem Gegenüber ein falsches

Lächeln, der gleich konterte: »Was veranlasst Sie zu der

Annahme, ich würde dem Militär angehören?«

»Nun, zum einen Ihr billiger Haarschnitt und zum anderen

Ihre Körpersprache, die verdeutlicht, wie unwohl Sie sich

in dem feinen Anzug fühlen. Also, kommt jetzt mein

Kaffee?«, fragte Duke nach und schaute provokativ in den

Spiegel, als würde er den stummen Beobachter

herausfordern.

Sekunden vergingen, in denen Duke weiterhin von seinem

Gegenüber gemustert wurde, und er versuchte, die Rolle

des Unbeeindruckten weiterzuspielen. Natürlich war ihm

bewusst, dass er hier gerade megamäßig in

Schwierigkeiten steckte, wenn der Militärmensch mit

einem Aktenordner ankam, der dicker war als das

Branchenbuch von Keene.

»Sie kommen sich wohl sehr schlau vor, oder? Mit dem

Patriot Act können wir aus Ihnen einen Niemand machen.

Tatsächlich sind Sie bereits ein Niemand. Wir haben Ihr

Konto sowie das Ihrer Freundin Abigail eingefroren, die

sich übrigens gerade ein paar Türen weiter die Augen aus

dem Kopf heult. Da wir gerade von Geld sprechen: Der

Gewinn Ihrer Lottobetrüger-Kumpane ist

selbstverständlich auch eingezogen worden.«

Duke konnte ein trockenes Schlucken nicht vermeiden

und antwortete: »Mit anderen Worten: Sie wollen etwas

von mir! All den Zirkus, den Sie hier veranstalten, machen

Sie ja wohl kaum wegen eines nicht bezahlten

Strafzettels.«

»Nun, Mr. Niemand…«, fing der Typ an, doch Duke

unterbrach ihn sofort.

»Wenn Sie sich mir gegenüber etwas respektvoller

verhalten und mich beim Namen nennen, inklusive Ihrem

eigenen, dann könnten wir uns eventuell auf einem

zivilisierten Niveau unterhalten. Alles andere empfinde ich

als lächerliches Theater. Irgendwelche Drohungen, um

mich einzuschüchtern, können Sie auch vergessen. Das

zieht bei mir überhaupt nicht«, rief Duke inzwischen selbst

etwas angesäuert.

Der nickte und sagte: »Mein Name ist Darryl Burnham und

wie Sie bereits richtig erkannt haben, bin ich kein Zivilist.

Wie Sie unschwer sehen können, haben wir ein

umfangreiches Dossier über Sie, das nebenbei bemerkt

gar nicht gut aussieht.«

»Tatsache? Wird jetzt schon ein harmloser Bürger

ausspioniert, der pünktlich seine Steuern zahlt?«

»Okay, wollen Sie sich wirklich aus Ihrer Misere

herausquatschen und hier den Unschuldigen spielen?

Kommen Sie, das hätte ich nach dem Lesen Ihrer Akte

jetzt nicht erwartet.«

»Wollen Sie noch länger um den heißen Brei herumtänzeln

oder langsam zur Sache kommen?«, fragte Duke

provokant.

Burnhams Blick verengte sich.

»Wo ist unser Außerirdischer abgeblieben? Doch viel

wichtiger ist es: Woher wussten Sie, dass wir einen in

unserer geheimen Militärbasis hatten? Wie haben Sie es

angestellt, ihn zu befreien? Arbeiten Sie mit denen

zusammen?«

Ups, dachte Duke, und tat sein Bestes, um verblüfft zu

wirken. Aus der Ecke wehte der Wind!

Nach einem doppelten Moment fragte er gespielt: »Echt

jetzt? Es gibt Außerirdische? Das ist ja ein Ding! Sie sehen

mich jetzt wirklich überrascht. Sie haben mir aber einen

Schrecken eingejagt. Also ist das hier alles nur eine TV-

Show? Versteckte Kamera und so?«

Wahrscheinlich hatte Mr. Burnham so eine Reaktion

erwartet und reagierte darauf, indem er aus einem

Umschlag einige Fotos einer Überwachungskamera

herausnahm und diese in aller Ruhe vor Duke ausbreitete.

»Natürlich waren Sie so schlau und haben die meiste Zeit

eine Maske getragen, aber nachdem Sie die Glasbox

geöffnet hatten, mussten Sie diese wohl abnehmen und

haben dabei schön in die Kugelkamera des Aufzugs

geschaut. Dass Ihre Freundin an der Befreiungsaktion

beteiligt war, ist aktenkundig, und den Wingsuit, mit dem

Sie aus der Maschine gesprungen sind, haben wir auch

gefunden. Also, wohin hat sich das Portal geöffnet und wo

ist unser Außerirdischer abgeblieben?«

Sekunden vergingen, in denen Duke seine Gedanken

ordnen musste, um dann zu antworten: »Sind Sie der Typ,

der etwas zu sagen hat, oder nur derjenige, der mich

weichklopfen soll? Wenn ich mich überhaupt mit

jemandem unterhalte, dann mit der Person, die hier das

Kommando hat. Sie können vergessen, dass ich alles drei-

oder viermal erzähle, und ohne einen Kaffee geht schon

einmal gar nichts. Diese bekloppten Handschellen können

Sie auch gleich entfernen, oder haben Sie als

durchtrainierter Soldat vor mir Muffensausen?«

»Sie kapieren anscheinend noch immer nicht, dass Sie

sich hier in keiner Position befinden, auch nur die kleinste

Forderung zu stellen!«

Nun hieß es, einknicken oder noch einen drauflegen,

dachte Duke, und erwiderte: »Na, dann machen Sie mal

die Pritsche startklar zum Waterboarding, denn irgendeine

Erfrischung brauche ich jetzt.«

Die Stille im Raum war auf einmal schwer wie Blei, nur

unterbrochen vom leisen Surren der Klimaanlage. Mr.

Burnham saß unbeweglich da, seine Hände ordentlich auf

dem Tisch gefaltet und sein Blick auf Duke gerichtet. Nicht

feindlich, aber auch nicht freundlich – wie jemand, der

hart grübelte, ob er dem Kaffeewunsch nachkommen

sollte. Dann, ohne ein weiteres Wort, schob er

geräuschvoll seinen Stuhl zurück, stand auf und verließ

den Raum.

Neugierig schielte Duke zum Aktenordner, aber mehr als

den roten Stempel mit „GEHEIM“ konnte er nicht

erkennen. Die Fotos hingegen waren mehr als brutal klar,

und sein anderes „Ich“ darin zu erkennen, war mehr als

verstörend. Tatsächlich wusste er nicht, was er hier mit

der Pokerrunde erreichen wollte. Mehr Beweise als die, die

er bereits sehen durfte, waren wohl kaum nötig, um ihn

ins tiefste Loch zu werfen und den Schlüssel

wegzuschmeißen. Dass Abigail mit in die Sache verwickelt

war, änderte jedoch alles. Er hatte keine Zweifel, dass sie

unter Druck zusammenbrechen und alles ausplaudern

würde. Letztlich schien es so, als ob diese Typen bereits

das Meiste wussten. Wie sollte er aus dieser verstrickten

Nummer wieder herauskommen? Zumal ja nicht einmal er

es war, der sich damals mit dem Außerirdischen durch das

Portal verdrückt hatte. Duke hörte das metallische

Geräusch der elektrischen Türverriegelung – was zum

Startschuss der nächsten Runde eines Spiels wurde, das

er längst nicht mehr kontrollierte, auch wenn er sich das

immer noch einreden wollte. Sein Verstand versuchte,

alles wie eine schlechte Reality-Show zu verarbeiten, in

der er zum unbedeutenden Nebendarsteller degradiert

worden war. Mr. Burnham trat zuerst ein und hielt einen

dampfenden Becher in der Hand. Sofort roch es im Raum

nach billigem Automatenkaffee, was alles nur noch

lächerlicher erscheinen ließ. Hinter Burnham folgte ein

stämmiger Typ mit ausdruckslosem Gesicht. Ohne ein

Wort trat er an Duke heran, beugte sich über ihn und

klickte mit routiniertem Griff die Handschellen auf. Die

Kälte des Metalls wich sofort einem brennenden Kribbeln

in Dukes Handgelenken. Für einen Moment trafen sich ihre

Blicke, dann drehte sich der Mann um und verschwand

ebenso wortlos, wie er gekommen war. Duke rieb sich die

Handgelenke, während sich die Wärme langsam zurück in

seine Finger schlich. Dann griff er nach dem Becher.

Nicht,

weil er Lust auf Kaffee hatte – sondern weil er irgendetwas

brauchte, das sich in dieser farblosen Kulisse aus

Neonlicht und hässlichem Linoleum warm anfühlte.

»Danke, Darryl. Ich darf Sie doch mit Ihrem Vornamen

anreden, oder? Lassen Sie Abigail laufen, wenn ich Ihnen

alles erzähle?«

»Versuchen Sie schon wieder, Forderungen zu stellen?«

»Das war lediglich eine Frage, keine Forderung.«

Darryl grinste zum ersten Mal und schüttelte resigniert

den Kopf.

»Darf ich Ihnen noch eine Frage stellen?«, meinte Duke

und schlürfte geräuschvoll am Level 5. Sein Gegenüber

nickte nur. »Glauben Sie, dass Zeitreisen möglich sind?«

»Sicher«, kam es kurz, und erneut verschränkte der

Soldat die Arme.

»Nun, der da auf dem Foto bin tatsächlich ich, aber auch

nicht. Wissen Sie, der da ist mein Zeitklon.«

»Ein was?«

»Mano, keine Ahnung, ob es dafür einen

wissenschaftlichen Begriff gibt, aber irgendwie gibt es

mich jetzt zweimal. Der da auf den Fotos ist entstanden,

als er in der Zeit zurückgereist ist.«

»Duke, mit so einer bekloppten Ausrede kommen

Sie leider nicht durch. Dafür müsste ich Ihnen schon wieder

den Kaffee wegnehmen.«

»Okay, dann befragen Sie doch einfach Ihren schlauen

Computer und überprüfen meine Ein- und Ausreisedaten

vom letzten Jahr. Wie kann ich mich zur selben Zeit in

Südamerika aufgehalten haben, wenn zu dem Zeitpunkt

euer außerirdischer „Gast“ gestohlen wurde?«

Duke sah, wie Darryl leicht nickte.

Zögerlich meinte dieser dann: »Zeitklone, netter

Vergleich. So etwas Ähnliches hatten wir dummerweise

bereits befürchtet.«

»Na, bestens. Dann mal danke für den Kaffee«, rief Duke

und stand auf.

Sofort sprang die Tür auf und Mr. Grimmig zielte mit einer

Waffe auf ihn.

»Hinsetzen«, wurde Duke angepflaumt und kam

missmutig der Ansage nach.

»Mir ist egal, wer unser Testobjekt gestohlen hat. Ich

möchte wissen, wohin es gebracht wurde und woher der

„Zeitklon“ gewusst hat, wo sich das Alien befand.«

»Was nützt Ihnen das Wissen? Beide sind weg, und

niemand ist zu Schaden gekommen.«

Erneut wurden Duke ein paar Fotos über den Tisch

geschoben, die einen verletzten Soldaten zeigten.

»Immer cool bleiben, Darryl. Das war nicht ich!«

»Es wäre wirklich eine Zeitersparnis, wenn Sie anfangen,

zu reden.«

»Egal, wie verrückt es klingt? Ich meine, alles, was ich

Ihnen erzählen kann, hört sich an wie von jemandem, der

gerade aus der Gummizelle entflohen ist und seine

Tagesdosis Psychopharmaka nicht erhalten hat.«



 
 
 

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